Windustrie und Wahnsinn: Der Großangriff auf das Waldviertel

von Dr. Wolfgang Lechthaler, Ökologe,  17. 11. 2015

Unter dem Vorwand „Klimaschutz“ werden heute weltweit Naturparadiese zerstört. Nicht nur in Amazonien und Indonesien, sondern auch mitten in Europa. „Climate Crimes“ nennt der ehemalige WWF-Mitarbeiter Ulrich Eichelmann seinen 2011 produzierten Film, in dem er Umweltverbrechen unter dem Deckmantel des Klimaschutzes anprangert. Für Eichelmann ist es ein „tödlicher Etikettenschwindel“, bei dem Naturvernichtung als „grüne Investition und angewandter Klimaschutz“ verkauft wird.

 

Als „Climate Crime“ muss man auch das Vorhaben bezeichnen, quer durch das Waldviertel ein Spalier aus Windkraftwerken hochzuziehen, jedes 200 Meter hoch, und alle inmitten artenreicher Wälder. Wer die eindrucksvolle Landschaft zwischen Gmünd und Pulkau kennt, kann dieses Ansinnen nur mit Kopfschütteln quittieren. Aber genau das ist das Ziel, geht es nach den Wünschen der verantwortlichen Gemeinde- und Landespolitiker: 18 Windparks im Waldviertel, 17 davon in Waldstandorten, mit einer Gesamtzahl von 130 Windrädern – das entspricht etwa jener Anzahl an Kraftwerken, die bis 2014 im gesamten Burgenland errichtet wurden. Das Waldviertel mit dem Flair der Parndorfer Platte: Windmüll- statt Wohlfühlregion.

 

Was die Windparkbetreiber und Grundeigentümer in Goldgräberstimmung versetzt, bedeutet für den Tourismus, vor allem aber für den Natur- und Artenschutz, eine mittlere Katastrophe. Das Waldviertel ist ein ökologischer Hot-Spot – hier treffen der pannonische, der alpine und der kontinentale Raum aufeinander und schaffen eine Region mit hoher Artenvielfalt. Dass in den Wäldern seltene und streng geschützte Tierarten leben, deren Existenz von den riesigen Kraftwerken bedroht ist, wird ebenso ignoriert, wie die Tatsache, dass sich die Projektgebiete über Feuchtgebiete und Tallandschaften erstrecken. Oder dass Wanderkorridore von Luchs, Elch und Wildkatze durch die Wälder führen. Die Energiewende fordert ein Opfer! Originellerweise das, was sie vorgibt zu schützen, nämlich die Natur.

 

Die Art und Weise wie diese Projekte durchgezogen werden ist eines modernen Rechtsstaats unwürdig. Nach derzeitigem Wissen dürfte eigentlich kein Windparkprojekt im Waldviertel genehmigt werden. Zu groß ist die Zahl der hier lebenden Vogel- und Fledermausarten. Um die Schutzbestimmungen zu umgehen, werden von den Betreiberfirmen bestimmte „Sachverständige“ mit der Umweltprüfung betraut (es sind stets die selben), die über die Gabe der selektiven Wahrnehmung verfügen und streng geschützte Arten mit verblüffender Regelmäßigkeit „übersehen“. Und zwar immer! Diese Gutachter, die alle Windparkprojekte im Waldviertel für gut-achten, bewerten die Wälder und die umgebende Landschaft stets als bedeutungslos und bagatellisieren die ökologischen Auswirkungen. Ist es Zufall, dass alle unabhängigen Experten zu gegenteiligen Schlüssen kommen?

 

Zu welchen Tricks die Umweltprüfer greifen, offenbaren die wildbiologischen Gutachten, denen man einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen kann. Für die im Horner Bezirk geplanten Windparks grenzt der zuständige „Experte“ die Auswirkungen der Projekte auf eine einzige Tierart ein, und zwar auf den Rothirsch. Der Horner Bezirk gilt nämlich laut selbigem Gutachter als rotwildfreie Zone (kein Witz!). Wie erfreulich, wenn der Rotwildbestand mangels Rotwild unter den Kraftwerken nicht leidet. Studien über die Gefährdung der Waldviertler Elefanten durch Windräder hätten vermutlich zu ähnlichen Ergebnissen geführt.

 

Dass die gesamte Umweltprüfung auf Gefälligkeitsgutachten beruht, und den Gegengutachten keinerlei Beachtung geschenkt wird, obwohl diese das Vorkommen geschützter Arten bestätigen, ist schon ein Skandal. Aber dass die gesamte Umweltprüfung in die Hände der Betreiber gelegt wird, während die Behörde ihre Kontrollfunktion an den Nagel hängt, degradiert das Instrumentarium der Umweltprüfung zu einer Farce. Aber es gilt ja das Weltklima zu retten, und da darf der Umweltschutz schon mal unter die (Wind-)Räder kommen.

 

Abgesehen von den negativen ökologischen Auswirkungen stellt sich die Frage: Ist die Zerstörung des Waldviertels energiepolitisch überhaupt sinnvoll. Hier lohnt sich ein Blick in den niederösterreichischen Energiefahrplan 2030: Darin wird die vollständige Deckung des Strombedarfs aus Erneuerbaren Energien für 2015 angekündigt. Und dieses Ziel wurde Ende Oktober auch erreicht. Wenn also die gesamte Elektrizität des Landes seit heuer aus regenerativen Quellen stammt: Welchen Sinn macht es dann noch das Waldviertel zu zerstören? Bereits jetzt erwirtschaften die bestehenden Anlagen Überschüsse. In stürmischen Zeiten überschwemmen tausende deutsche Windkraftanlagen den Strommarkt. Dann wird Strom zu Billigstpreisen an der Börse verschleudert und kann zu einem Bruchteil der Produktionskosten gekauft werden. Wozu also dieser Raubbau an der Natur? Cui bono? Ganz sicher nicht dem Klima. Wälder gelten als wahre CO2-Staubsauger und binden einen Großteil des durch die Verbrennung fossiler Energieträger emittierten Kohlenstoffs. Ihre großflächige Vernichtung würde die EU-Vorgaben zur Rettung des Weltklimas konterkarieren.

 

Die Verstromung artenreicher Wälder in einer windschwachen Region wie dem Waldviertel ist weder effizient, noch grün, noch klimaschonend. Sie ist auch nicht umweltfreundlicher als Palmölplantagen in tropischen Urwäldern oder Mega-Staudammprojekte am Amazonas. Befeuert von der aktuellen Klimahysterie bemüht sich die Windbranche die gigantischen Kraftwerke als sanfte, rotierende Riesen zu verklären. Doch für die Vögel und Fledermäuse des Waldviertels sind es rotierende Sensen, die inmitten der Wälder genauso sensibel agieren wie ein Mixer im Aquarium.

 

Bei allem Verständnis für die Befürworter einer umwelt- und klimaschonenden Energiegewinnung – aber Klimaschutz und Naturschutz dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wir können nicht den Lebensraum des Eisbären schützen, indem wir den Lebensraum von Luchs, Seeadler und Schwarzstorch im Waldviertel vernichten. Vor allem wenn der Effekt dieses radikalen Eingriffs für das Weltklima gleich Null ist. Vielmehr gilt es diese einzigartige Naturlandschaft und ihre Tierwelt für uns und für nachfolgende Generationen zu erhalten. Dieses Ziel haben sich zwölf Waldviertler Bürgerinitiativen gesetzt, die gemeinsam, unter Ausschöpfung aller demokratischen Mittel, gegen die Zerstörung der Wohlfühlregion und für Lebensqualität und Artenvielfalt kämpfen. Man kann nur hoffen, dass dem Waldviertel das Schicksal der Parndorfer Platte erspart bleibt.

 

 

Sigmundsherberg und Stift Geras setzen weiter auf lahmes Windkraft-Pferd

Der Wald in der vom Land NÖ freigegebene Windkraftzone WA 20 soll millonenschweren Konzernträumen geopfert werden. 

von Mario Lackner

Ich möchte heute zu den in den Tips Horn in deren Print-Ausgabe vom 4. September zitierten Aussagen von Abt Michael Proházka und Bürgermeister Franz Göd Stellung beziehen, die als große Befürworter der gigantischen Kraftwerkpläne am Gemeindegebiet von Sigmundsherberg offenbar blind den Einflüsterungen der PR-Spezialisten gewisser Energiekonzerne Vertrauen schenken.

 

Ich vermisse bis dato bei beiden Würdenträgern eine ernste persönliche Auseinandersetzung mit den berechtigten Einsprüchen sowohl aus der Bevölkerung als auch aus Expertenkreisen. Ich verstehe nicht, wozu Abt Michael abgedroschene Stammtischweisheiten à la “Wer gegen die Atomkraft ist, muss ohne wenn und aber für die Windkraft sein” öffentlich vertritt, wenn doch längst jeder weiß, dass auch wenn wir 100 oder gar 1000 Kraftwerktürme von 200(!) Meter Höhe in unsere Landschaft stellen kein einziges AKW in Tschechien abgeschaltet werden wird. Die Regierung in Prag lässt sich in ihre Energiepolitik ebenso wenig dreinreden wie unsere in St. Pölten oder Wien durch kritische Stimmen aus Tschechien oder anderswo.

 

Weshalb setzen sich der Abt des Stiftes Geras und Sigmundsherbergs Bürgermeister so vehement für genau diese Form der Nutzung von Alternativenergien ein? Es gibt ausreichend andere, umweltschonendere Möglichkeiten, die den Wert von Grund und Boden in unserer Gegend nicht in Gefahr bringen würden wie der geplante Windpark, der doch wirklich ein Nachzügler einer längst überholten und veralteten Entwicklungsdenke wäre!

 

Gehen wir doch zukunftsweisende, nicht unsere Zukunft (und Landschaft!) verbauende Wege.

 

Das Argument von Franz Göd, dass durch die Kraftwerkriesen zusätzliches Geld in die Gemeindekasse gespült wird, ist auch nicht nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass das Land Niederösterreich möglicherweise seinen Gemeindebudget-Zuschuss reduzieren wird, sobald Sigmundsherberg sein Defizit aufgrund höherer Einnahmen verringern kann.

Was bliebe dann im Falle des Falles vom “größten Bau seit der Errichtung der Franz-Josefs-Bahn”? Ein Nullsummenspiel in der Gemeindekassa, viel zerbrochenes Porzellan zwischen Politik, Kirche und Bevölkerung und eine vertane Chance unserer Region eine Zukunft jenseits des Ausverkaufs an Banken und Energiekonzerne zu bieten.

 

Da sagt uns doch der Hausverstand runter vom Gas, innehalten, sich mit allen an einen Tisch setzen und bessere Lösungen mit und nicht gegen Natur und Bevölkerung suchen und schlussendlich auch finden.

Als großer Befürworter der Energiewende frage ich mich, wie viel Aufregung diese 200 Meter(!) hohen Windkraftwerke eigentlich noch auslösen müssen, bis auch der letzte Bürgermeister bei uns erkennt, dass diese waldzerstörende Art der Windkraftnutzung nicht ins Waldviertler Wohlviertel passt? Ich frage Sie, was haben zig Kraftwerk-Giganten mit Wohlfühlen und positiver Regionalentwicklung zu tun? (siehe auch Brief an den NÖ-Landtag)

 

 

Andere Windkraft-Technologien (nicht im Wald, sondern dort, wo sie gebraucht werden!) sind umweltschonender und ungefährlich – wieso also kein Umschwenken, warum keine bessere Lösung, bevor beispielsweise die Verträge zur Errichtung des Windparks an der Gemeindegrenze von Geras und Sigmundsherberg unterzeichnet werden?

Wer glaubt nach eingehender Beschäftigung mit dem Thema ernsthaft noch das Ammenmärchen der gewinnorientierten Firmen, die sich jetzt schnell noch auf Kosten von uns Steuerzahler*innen Landesfördergelder einverleiben und uns weismachen wollen, dass von den Kraftwerktürmen jeder und jede profitiert? Hört sich das nicht an wie ein lupenreiner PR-Schmäh?

 

Die 25 tschechischen Bürgermeister in der angrenzenden Region Vranovsko haben sich im Jänner nicht aus Boshaftigkeit gegen ein noch bedrohlicheres Windpark-Projekt einige Kilometer weiter nördlich ausgesprochen. (vgl. Frainer Proklamation) Sie haben sich aber nicht von den PR-Strategien in NÖ tätiger Energiekonzerne blenden lassen und sind sich bewusst, was sie zu verlören, wenn die Windkraftriesen in die Landschaft gepflanzt würden:

 

* Einnahmen aus dem Tourismus,

* die einzigartige Kultur- und Naturlandschaft,

* Wert von Grund und Boden und

* die Möglichkeit tatsächlich sinnvolle, innovative und zukunftsweisende Zeichen für die Energiewende zu setzen.

 

Erfreulicherweise realisieren nicht nur auf der anderen Seite der Grenze, sondern auch hier im Bezirk Horn mehr und mehr Gemeinderäte, dass die geplanten (in der Nacht wie ein Flughafen rot blinkenden) Windparks sehr gut an den Rand von Großstädten und Autobahnen passen, wo die entsprechenden Hochspannungsleitungen die Landschaft durchziehen. Mehr und mehr Politiker setzen nicht weiter auf lahme Windkraft-Pferde, sondern auf bestmögliche Lösungen im Bereich der erneuerbaren Energien, durch die unsere Regionalentwicklung einen Aufschwung erhält und nicht (wie im Falle der Windparks) blockiert wird. (vgl. auch NÖN-Kommentar)

Wann sind diese Politiker*innen auch in Geras und Sigmundsherberg nicht mehr in der Minderheit? Wann satteln die dortigen Gemeinderäte um, für das Allgemeinwohl, für uns alle?

 

fragt Mag. Mario Lackner, Entwicklungsforscher und Politikberater

Welche Wertschöpfung ist beim Betrieb von WKA zu erwarten? Und für wen?

Alfred Schmudermayer

Bei der Produktion bleibt ein Teil der Wertschöpfung in Österreich, bei der Planung und Errichtung (Fundamentbau, Kranverleih, Spezialtransporte, Frächter, Straßenbau, Montagepersonal) ebenso. Beim laufenden Betrieb ist so gut wie kein Arbeitsplatz nötig. Bei Ausfall der Anlage reisen Spezialisten an. Das heißt, dass es für die Region nur eine sehr begrenzte Wertschöpfung (während der Bauphase) gibt. Weiterlesen

Wie „effizient“ sind Windkraftanlagen?

Alfred Schmudermayer

Windkraftanlagen (WKA) nutzen ausschließlich den Produktionsfaktor Wind für den Energieertrag.

Als grobe Richtlinie gilt: Je größer die angebotene Windgeschwindigkeit, desto mehr  elektrische Energie kommt aus der Windkraftanlage. Der Umwandlungswirkungsgrad beträgt dabei ungefähr 40%, die in elektrische Energie umgewandelt werden. 60% der Windenergie werden vom Bauwerk absorbiert und in mechanische Schwingungen umgesetzt. Weiterlesen

Lebensraum Wald – ein sensibles Umfeld

Von Wirtschaftswäldern und Urwäldern

Österreichs Wald ist eine seit Generationen von Menschenhand geprägte Kulturlandschaft. Urwälder (Wälder ohne menschlichen Eingriff) beschränken sich auf Reliktvorkommen. Trotzdem oder gerade deshalb ist der Wald das naturnächste Landschaftselement, die Naturressource schlechthin.

Die Forstwirtschaft ist heute um ein Wirtschaften im Einklang mit der Natur bemüht, unter Bedachtnahme auf natürliche Entwicklungszyklen und auf Grundlage ökosystemarer Erkenntnisse. Weiterlesen

FRAGEN UND ANTWORTEN

Frage:  Ersetzt der Windstrom Atomkraftwerke?
Nein. Auch wenn tausend Windkrafträder gebaut werden, wird in Tschechien kein einziges Atomkraftwerk abgeschaltet. Österreich darf aber ab 2015 ohnehin keinen Atomstrom importieren.

Frage: Wird der Strom durch die Windkraft billiger?
Nein, im Gegenteil. Der Strom wird teurer, da die Windparks direkt vom Konsumenten über die Stromrechnung finanziert werden. Weiterlesen

Von Seeadlern und Raubwürgern

wwf factsheet

Derzeit gibt es 14-15 Brutpaare in Österreich. Diese befinden sich vor allem in den Donau-Auen östlich und westlich von Wien, in den March-Thaya-Auen, im Waldviertel, im Neusiedler See Gebiet sowie in der Ost- Steiermark und im Süd- Burgenland. Weiterlesen