Wie der Artenschutz unter die Windräder kommt

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Wie der Artenschutz unter die Windräder kommt- Gastkommentar in der Presse von Kurt Kotrschal, 04.12.2022
Verjagen Windkraftbetreiber biologische Kartierer durch Schlägertrupps, stören sie in Brutgebieten gezielt durch Waldarbeiten, Wegebau und nächtliche Motorradfahrten?
In Zeiten wie diesen ist es geboten, raschest Windräder aufzustellen. Der Schutz eines ohnehin kümmerlichen Rests an geschützten Wildtieren darf aber in unserer akuten Energiewendepanik nicht unter die Räder kommen – zumal die Potenziale zur Verbesserung der Energieeffizienz noch viel zu wenig gehoben sind; so weiß man, dass ein Optimum an
Lebensqualität mit 110 Gigajoule (GJ, entspricht etwa 30.000 kWh) Energieverbrauch pro Kopf und Jahr erreicht wird. In Österreich liegen wir bei üppigen 164 GJ!
Wo die Reise hingehen könnte, zeigte drastisch ein Podiumsgespräch zu Windkraft und Vogelschutz in Halberstadt/Sachsen-Anhalt am 21.10.2022.
Vertreter des Artenschutzes und der Windenergie diskutierten die Lage in Deutschland, wo selbst grüne Minister durch Abkürzungen im Bereich Artenschutz Genehmigungsverfahren beschleunigen wollen. Gut klingt zunächst, dass begleitend ein 82 Millionen Euro schweres „Arterhaltungs-Hilfspaket“ aufgestellt wurde, um die Tierverluste durch Windräder zu mildern. Im Sinne der Verringerung des Genehmigungsaufwandes wurden aber lediglich 15 potenziell gefährdete Vogelarten einbezogen, etwa See- und Schreiadler, Rotmilan und Uhu; gänzlich ignoriert wurden Arten, welche Gebiete mit Windrädern großräumig meiden, z. B. die gefährdeten Birk- und Auerhühner. In dieser von der deutschen Politik ohne Experten selbst gestrickten Artenliste fehlen Schwarzstorch, Alpensegler, alle Fledermäuse usw. Zu Recht sehen daher die Fachleute aus Wissenschaft und NGOs darin einen drastischen Abbau des Artenschutzes. Analoge „Schutz“-Listen entstehen gerade übrigens auch für Fotovoltaikund Wasserkraftanlagen.
Zudem werden (Hurra!) um etwa 500.000 Euro pro Stück Geräte entwickelt, die über künstliche Intelligenz das Flugbild der 15 gelisteten Vogelarten erkennen können, um bei deren Annäherung die Windräder zur Kollisionsvermeidung abzuschalten. Gleichzeitig werden aber die Abschaltzeiten begrenzt. Sieht ganz nach Greenwashing durch teure
Hightech aus. Massive Kritik wurde auch daran geäußert, dass die gewidmeten 82 Millionen Euro nicht kompensatorisch zur Sicherung von Lebensräumen eingesetzt werden können, oder zum Abbau von bereits vorhandenen Risiken, wie Verkehrsflächen, Glasscheiben, Stromleitungen etc.
Und weil das alles offenbar nicht reicht, ist jetzt ein bundesdeutsches „Beschleunigungs-Gesetz“ in Ausarbeitung, demzufolge Energieanlagen ohne jede artenschutzrechtliche Prüfung (!) errichtet werden dürfen. Beklagt wurde bei diesem Podiumsgespräch auch, dass Windkraftbetreiber angeblich Schlägertrupps aussenden, um biologische Kartierer von geplanten Standorten zu verjagen, dass sie Horstbäume für große Greifvögel und Schwarzstorch „vorsorglich“ im Sinne einer „Standort-Bereinigung“ fällen, und dass sie in Brutgebieten durch Waldarbeiten, Wegebau und nächtliche Motorradfahrten gezielt stören.
Geduldeter Ökoterrorismus im Sinne der Energiewende?
Angesichts der langjährigen Parallelen zwischen der bundesdeutschen und der heimischen Gesetzgebung ist mit einer Nachahmung solch artenschutzschädlicher Regelungen zu rechnen – von politisch Grün zu Grün, sozusagen. Jedenfalls sollte sich auch in Österreich der Naturschutz auf eine sehr heiße Phase einstellen.
Zum Autor: Kurt Kotrschal, Verhaltensbiologe i. R. Uni Wien, Wolf Science Center Vet-Med-Uni Wien,
Sprecher der AG Wildtiere/Forum Wissenschaft & Umwelt.
 
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